Nach einigen Inkarnationen wo ich als angesehener Schnapsbrenner finanziell gesehen gut über die Runden kam wurde ich doch in dieser jetzt beschriebenen Inkarnation so langsam nachdenklich. Ich konnte die Folgen beobachten, die mein Schnaps unter den Menschen anrichtete. Besonders mein Zwetschgenwasser, dessen Rezept ich instinktiv und durch Intuitionen über die ganzen Inkarnationen herübergerettet bekam und mit dem ich in jeder meiner letzten Inkarnationen grossen finanziellen Erfolg verbuchen konnte, hatte eine für mich nicht zu übersehende Auswirkung an meinen Kunden.
Die Geldkasse, deren Einnahmen ich täglich zählte, machten mich zum Erbsenzähler. Ich stellt eine Statistik auf, die die Vorteile und die Nachteile des Zwetschgenwassers ersichtlich machen sollte. Mein Instinkt sagte mir zwar, dass das Gesöff ungesund für die menschliche Gesundheit und vor allen Dingen für die menschlichen Moral ist, aber ich musste dies gallenblau auf schmutziggelben Papier bestätigt bekommen. Und selbstverständlich auch ausgiebig analisieren.
Ich trank einen selbst hergestellten Magenbitter den später vor allen Dingen Jäger bevorzugten, weshalb ich diese Berufssparte durch die Namensgebung des Schnapses verewigte und ehrte. Jägerlatein nannte ich dieses edle Gesöff. Meine Leber spielt nicht mehr so ganz mit. Das häufige Probetrinken wirkte sich negativ auf meine Gesundheit aus. Diese Alarmzeichen schrieb ich aber mehr meinem fetten Essen zu. Heute weiss ich, dass beides seine Wirkung tat. Das Fett verlangte nach einem Magenbitter und der Magenbitter verlangte nach Fett. Eine höllische Bruderschaft.
Nach nächtelangen grübeln und vielen Stammtischsitzungen in der ich die Folgen des Alkohols direkt und durch gar nicht so lustige Geschichten vorgeführt bekam konnte ich meine Statistik abschliessen. Von meinen Stammtischbrüdern waren dreiviertel Alkoholiker. Davon die Hälfte krank und wieder davon die Hälfte arbeitsunfähig. Die meisten hatten Probleme mit der Familie. Dies genügte. Auf den ganzen Staat hochgerechnet ist gut ein Drittel der Menschheit dem Teufel Alkohol verfallen. Die Folgen muss ich hier nicht aufführen. Sie sind zur Genüge bekannt. Ich wurde Antialkoholiker mit einer Schnapsfabrik am Halse. Muss ich noch mehr erzählen?
Der Erleuchtungsprozess nahm in meinen weiteren Inkarnationen einen heftigen Anschub. In der folgenden Inkarnation wurde ich in die Wiege einer Fabrikantenfamilie gelegt. Eine angesehene Schnapsbrennerdynastie die ich selbst in einer der vorhergehenden Inkarnationen gegründet hatte. Natürlich wusste ich das in meiner jetzigen Inkarnation nicht mehr. Wie allgemein bekannt, wird ja einem der Mantel des Vergessens angezogen wenn man in eine neue Inkarnation schlüpft. Diese Inkarnation war aus der Sicht meiner Eltern total versaut. Aus meiner Sicht ein Meilenstein in meinem Erleuchtungsprozess. Instinktiv verabscheute ich den Alkohol an dem meine Familie sich dumm und dämlich verdiente. Aber auf einem Acker die Kartoffeln aufzulesen wie die schlauen Bauern lag mir auch nicht. Es blieb mir nichts anderes übrig als einen Taugenichts abzugeben.
Ich wurde zum Protestler. Zum Revoluzzer. Zum schwarzen Schaf einer schweinereichen Familie. Wenn lange Haare Mode waren schnitt ich sie mir kurz. Wennn kurze Haare Mode waren liess ich sie mir bis zum Hintern herunterwachsen. Ich war nie glücklich in meiner Haut. Ich war nie zufrieden. Ich wusste selbst nicht was mit mir los war. Eine alte Hexe verriet mir ein Rezept mit Fliegenpilzen um meine Depressionen wegfliegen zu lassen. Es funktionierte! Und ein paar Tropfen Talent zum Geschäfsmann hatte ich noch in mir. Also stellte ich selbst diese segensreiche Rezeptur in Massen her und verkaufte die Droge an weitere Unglücksraben und Taugenichtse. Das Geschäft lief, ohne dass ich mich dazu anstrengen musste. Verkappte Genies gab es ja genug die das Teufelszeug für mich an den Mann brachten.
Ich wurde reich. Mit dreissig Jahren war ich reicher als meine ganze Schnapsbrennerfamilie zusammen. Der Fliegenpilz hatte einen Nachteil, jedoch einen grossen Vorteil für meinen Geldbeutel. Man wurde süchtig danach. Alles Konzentrierte macht süchtig wie ich feststellen musste. Ob es Alkohol, Zucker, Sex, Geld oder eben meine Fliegenpilzdroge war. Wieder war ich der angeschmierte. Trotz meines Reichtums macht ich mir heftige Selbstvorwürfe, denn die Fliegenpilzkonsumenten fielen wie die Fliegen durch eine eigenartige Immunschwäche um . Damals nannte man das noch: "Der Herr hat ihn zu sich genommen". Und man beliess es dabei. An was man dahinschied war jedem seine eigene Sache. Weltliche Verfolgung hatte ich also nicht zu befürchten.
Aber trotzdem fühlte ich mich verfolgt. Nämlich von meinem Gewissen. Ja, meinem Gewissen! Das Wort Gewissen war in meiner jetzigen Inkarnation noch nicht so bekannt wie zu unserer Zeit. Obwohl man die Bibel von Hinten nach vorne und von vorne nach Hinten auswendig dahersagen konnte. Die Sauereien von den Priestern wurden kopiert und heiliggesprochen und die Sauereien von dem jeweiligen Hochwohlgeborenen König respektiert und wenn man es sich erlauben konnte nachgeahmt. Aus und amen.
Unterschwellig erkannte ich diese Zustände und verachtete sie. Kein Wunder, dass ich ein Rebell wurde. Das Geld, das ich mit den Fliegenpilzen verdiente habe ich einer gemeinnützigen Gesellschaft vermacht, da ich durch den Fliegenpilz impotent wurde und keine Nachkommen zeugen konnte. Der krönende Abschluss meiner Geschichte war noch die Tatsache, dass der gemeinnützige Verein, kurz nach dem er mein Geld empfangen hatte, aufgelöst wurde und der Anführer dieser Sekte mit ein paar grossen Koffern gesehen wurde, als er sie in eine Reisekutsche verfrachtete. Er verschwand für immer. Ich hatte natürlich noch genug Geld übrig. Aber geniessen konnte ich es nicht mehr. Der Pilz hatte meine Leber zerfressen. Auf Wiedersehen in meiner nächsten Inkarnation.
Fortsetzung folgt!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen